Montag, 4. Mai 2015

2015.05.04: Bildung

 

ORF – 4. Mai 2015

 

Diskussionen bis zur letzten Minute

Am Dienstag startet an Österreichs allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) mit dem Fach Deutsch die mit Hochspannung erwartete Zentralmatura. Die Auslieferung der Aufgabenhefte an die Schulen erfolgte bereits vergangene Woche: Die Kuverts wurden mittels Sicherheitstransporten an die Schulen geliefert, die Lieferwagen waren mit GPS-Sendern und teilweise mit Farbpatronen bestückt.

An den AHS wurden die Aufgabenhefte an eine dem Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) bekannte, berechtigte Person übergeben. Erst zu Prüfungsbeginn dürfen das Siegel gebrochen und die Hefte entnommen werden. Stellt sich heraus, dass etwas fehlt, gibt es die Möglichkeit, etwaige Fehlseiten vom BIFIE herunterzuladen. So sollen längere Verschiebungen der Beginnzeiten vermieden werden.

Schummeln mit Smartphone?

Die Beginnzeiten waren allerdings bis zur letzten Minute ein Diskussionsthema. Die FPÖ und Bundesschulsprecher Lukas Faymann wollten diese in ganz Österreich vereinheitlicht sehen. Die FPÖ forderte wegen etwaiger Schummeleien mit Smartphones eine einheitliche Startzeit, Faymann hingegen pochte auf das „Recht auf eine professionell geplante Matura“. Er finde es „rätselhaft, dass es das Bildungsministerium in über fünf Jahren Vorbereitungszeit nicht geschafft hat, einheitliche Startzeiten festzulegen“.

Gleichzeitig verwehrte sich der Bundesschulsprecher gegen „Unterstellungen, die davon ausgehen, dass es zu ‚Schummelaffären‘ kommen wird“. „Ich finde es unangebracht, alle Maturantinnen und Maturanten als Schummler abzustempeln“, so Faymann. Die meisten hätten hart für die Matura gelernt.

„Keine Leibesvisitationen“ bei Zentralmatura

Der Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eckehard Quin (FCG), schloss das Ausnutzen unterschiedlicher Beginnzeiten der Zentralmatura für die Weitergabe von Beispielen per Smartphone praktisch aus. „Da müsste ja wer im beaufsichtigten Raum das geschmuggelte Handy aus der Unterhose rausfischen, fotografieren und versenden. Das soll mir jemand einmal vorhupfen, wie das geht“. Die Schüler müssten ihre Handys am Beginn der Matura abgeben, so Quin. Man führe aber natürlich keine Leibesvisitationen durch. „In Einzelfällen wird es irgendeine Art des Schummelns immer geben. Aber dass wer im Prüfungsraum etwas abfotografiert - nein“, so Quin.

„Österreich besteht nicht nur aus Wien“

Dass der Prüfungsbeginn nicht einheitlich vorgegeben wird, hält der Lehrervertreter für richtig: „Österreich besteht nicht nur aus Wien.“ Es gebe genug Schulen, die mit ihrem Unterricht schon vor 8.00 bzw. erst nach 8.00 Uhr beginnen - das liege an den Fahrplänen der öffentlichen Verkehrsmittel in manchen Regionen. „Alles, was sich zum normalen Ablauf ändert, ist eine Zusatzbelastung für die Schüler, die haben eh schon genug Stress. Ich halte es für durchaus sinnvoll, dass man es macht wie bisher.“

Die Beginnzeiten der österreichischen Schulen in den neun Bundesländern seien „aus gutem Grund flexibel geregelt“, so auch Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Das „Problem Smartphone“ sei ein an allen österreichischen Schulen „altbekanntes und hat daher auch für die Zentralmatura keinerlei neue Bedeutung“, so die Ministerin vergangene Woche in einer Aussendung.

Heinisch-Hosek „zutiefst“ von Gelingen überzeugt

Heinisch-Hosek zeigte sich zudem am Samstag in der Ö1-Reihe „Im Journal zu Gast“ „zutiefst überzeugt“, dass die Zentralmatura gelingen wird. Sie gehe davon aus, dass die Ergebnisse nicht von den Reifeprüfungen der vergangenen Jahre abweichen werden. Bezüglich der Vorbereitungen der Matura durch das BIFIE meinte die Ministerin, hier volles Vertrauen zu haben. Ungeachtet dessen deutete sie ein weiteres Mal an, die Zentralmatura vom Bildungsinstitut ins Ministerium zurückholen zu wollen. Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Opposition sieht Nagelprobe für Bildungsministerin

Der Bildungssprecher der Grünen, Harald Walser, sieht die pannenfreie Durchführung der Zentralmatura allerdings als „Lackmustest“ für Heinisch-Hosek. Komme es auch diesmal zu Zwischenfällen, sei ein Rücktritt die logische Folge. Auch FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz übte Kritik an der Bildungsministerin: „Trotz der langen Pannenserie bei der Zentralmatura will sie für nichts die Verantwortung übernehmen.“ ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel forderte nach Heinisch-Hoseks Auftritt im „Journal zu Gast“ in Sachen Zentralmatura „Schluss mit fadenscheinigen Rechtfertigungen“.

BIFIE veröffentlicht Aufgaben online

Der Auftakt zu den beiden Maturawochen erfolgte am Montag ohne Zentralmatura. An diesem Tag wurden das Fach Russisch sowie an vielen Schulen Gegenstände wie Informatik, Biologie und Physik abgeprüft, für die es keine zentral vorgegebenen Aufgabenstellungen gibt.

Das BIFIE erstellt nur für die Fächer Deutsch (bzw. die anderen Unterrichtssprachen Slowenisch, Kroatisch und Ungarisch), Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Griechisch und Latein die Aufgabentexte. Damit sind die verpflichtenden sowie die im Regelfall meistgewählten Fächer abgedeckt. In allen anderen Gegenständen erarbeiten weiter die jeweiligen Fachlehrer die Maturabeispiele und reichen diese bei den Landesschulräten zur Genehmigung ein.

Nach der Deutschmatura am Montag folgen Englisch (6. Mai), Spanisch bzw. die Volksgruppensprachen Kroatisch, Slowenisch und Ungarisch (7. Mai), Französisch (8. Mai), Mathematik (11. Mai), Italienisch (12. Mai) sowie Latein bzw. Griechisch (13. Mai). Die Klausuren dauern 270 Minuten (Ausnahme: Deutsch bzw. andere Unterrichtssprache mit 300 Minuten), die Beispiele werden am Tag nach der Prüfung auf der Website des BIFIE veröffentlicht.

An den berufsbildenden höheren Schulen (BHS) ist die Zentralmatura erst ab dem Schuljahr 2015/16 verpflichtend. Allerdings erproben an 93 BHS bereits heuer rund 7.000 Schüler im Rahmen von Schulversuchen die Zentralmatura in einem oder mehreren Fächern.

 

 

ORF – 4. Mai 2015

 

"Ich wäre als Kind in der Sonderschule gelandet"

14.170 Kinder und Jugendliche haben im Schuljahr 2013/14 in Österreich eine Sonderschule besucht. Dieses Modell ist umstritten wie nie zuvor: Während die Gegner die Abschaffung und Inklusion aller Kinder in Regelschulen fordern, sprechen die Befürworter von einer sinnvollen Wahlmöglichkeit.

Bildung 04.05.2015

Beide verweisen auf das Wohl des Kindes - wie es sich definiert, bleibt aber umstritten.

science.ORF.at hat den Bildungswissenschaftler Bernd Ahrbeck zur Diskussion mit der Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze eingeladen. Sie plädiert uneingeschränkt für die inklusive Schule und sagt: "Wäre ich als Sechsjährige vom heutigen Schulsystem beurteilt worden, wäre ich eindeutig in der Sonderschule gelandet."

science.ORF.at: Herr Ahrbeck, wie würden Sie den Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom erklären, warum es in eine Sonderschule, und nicht in eine ganz gewöhnliche Volksschule gehen soll?

Marianne Schulze ist Juristin und Vorsitzende des Monitoringausschusses zur Einhaltung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Österreich.

Bernd Ahrbeck ist Bildungswissenschaftler am Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt Universität Berlin. Sein Schwerpunkt ist die Verhaltensgestörtenpädagogik.

Inklusion:

ist ein zentraler Begriff der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und meint, dass Systeme geschaffen werden, in denen den Bedürfnissen von allen Menschen - darunter auch Menschen mit Behinderungen - entsprochen wird. Es geht nicht mehr um Integration, sondern um die Gestaltung von Räumen und Organisationen, die von vornherein niemanden ausschließen.

Aktionstage Politische Bildung:

Von 23. April bis 9. Mai 2015 finden in ganz Österreich die Aktionstage Politische Bildung statt. Zum diesjährigen Thema "Macht und Ermächtigung" gibt es Angebote zur Fort- und Weiterbildung für Lehrende, Studierende, Schulklassen, aber auch die interessierte Öffentlichkeit. Ein Thema dabei: Inklusion bzw. die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.

Bernd Ahrbeck: Ich würde schwer erklären können, warum jedes Kind mit Down-Syndrom in eine Sonderschule gehen soll. Aber: Ich finde es auch im Sinn der Inklusion gut, wenn es unterschiedliche Wahlmöglichkeiten gibt. Die Eltern sollen entscheiden können. Wenn es in einer allgemeinen Schule gut geht, können alle Beteiligten zufrieden sein. Wenn es Schwierigkeiten gibt, kann und soll man überlegen, ob nicht der spezielle Weg der bessere ist. Aber dass die Eltern keine Freiheit mehr haben zu wählen, sehe ich sehr kritisch.

Gibt es denn seitens der Eltern tatsächlich Wahlfreiheit? Ist es nicht auch eine Frage der Bildung und des sozialen Status, wie viel Eltern tatsächlich über das Schulwesen und die Potenziale ihres Kindes wissen?

Bernd Ahrbeck: Natürlich, das ist zum Teil so. Aber auch Menschen mit gleichem Bildungsgrad entscheiden sich unterschiedlich. Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, davon ist die Vorerfahrung einer, aber auch die Erfahrungen in der Schule sind sehr bestimmend - und die sind sehr unterschiedlich.

Frau Schulze, wie würden Sie den Eltern eines Kindes mit einer schweren geistigen Behinderung erklären, warum es den gut auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmten Rahmen der Sonderschule verlassen und plötzlich in eine ganz normale Volksschule gehen soll?

Marianne Schulze: Vorausgesetzt, dass das österreichische Bildungswesen so reformiert wird, dass es tatsächlich als inklusiv bezeichnet werden kann, hätte ein gemeinsamer Schulbesuch mehrere Vorteile: Das Kind bekommt die optimale Förderung für seine intellektuellen Fähigkeiten, gleichzeitig besteht aber auch die Möglichkeit, die sozialen Fähigkeiten auszubauen. Was wir aus Studien wissen: Inklusive Beschulung lässt bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen den an sich hohen Therapiebedarf sinken. Die Interaktion mit anderen Kindern wirkt sich positiv aus.

Ist die Inklusion wirklich bei jeder Art und jedem Ausmaß von Behinderung sinnvoll?

Marianne Schulze: Genau das sagt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, und das vertrete ich auch absolut.

Bernd Ahrbeck: Meines Erachtens lässt sich aus der Konvention nicht herleiten, dass es keine Spezialeinrichtungen mehr geben darf. Die Konvention soll die Rechte von Menschen mit Behinderungen stärken und für mehr Teilhabe sorgen - dafür bin ich auch sehr. Sie soll auch dafür sorgen, dass die Förderung in einem möglichst hohen Maß erfolgt. Und beides zusammen kann man nicht in jedem Fall haben.

Aber welches Gegenargument zur gemeinsamen Beschulung bleibt, wenn sie messbare Vorteile hat?

Bernd Ahrbeck: Es stimmt schlicht und einfach nicht, dass alle Untersuchungen zeigen, dass der gemeinsame Weg immer der bessere ist. Da gibt es widersprüchliche Ergebnisse. Für manche Kinder wäre der Besuch einer "Schule für alle" nicht von Vorteil. Wir wissen aus Integrationserfahrungen, dass etwa Kinder mit psychischen Erkrankungen oft sehr an den Rand einer Klasse gedrängt und gemobbt werden. In Berlin machen wir derzeit die Erfahrung, dass die Reduktion von pädagogischen Spezialeinrichtungen zu einer Verschiebung der Kinder in Richtung Kinderpsychiatrie führt. Das kann doch nicht das Ziel sein.

Marianne Schulze: Zum einen: Ich halte die Konvention vor allem in ihren ersten fünf Artikeln für ein an Klarheit kaum zu schlagendes Vertragswerk. Und zum zweiten: Es gibt derzeit in keinem Land ein durchgehend inklusives System. Wir wissen noch immer nicht, was das Maximum einer inklusiven Beschulung sein würde. Es geht nicht darum, das bestehende Schulsystem zu nehmen, leicht zu adaptieren und Menschen mit einem hohen Unterstützungsbedarf einfach reinzunehmen. Es geht um eine radikale Neuaufstellung des Bildungswesens, das die Bedürfnisse aller Kinder abholt. Das ist auch die große Herausforderung: Viele Menschen können sich diese Neuaufstellung nicht vorstellen.

Aber nehmen wir das Beispiel eines schwer verhaltensgestörten Kindes - was hieße da Inklusion?

Marianne Schulze: Inklusion bedeutet ein Mehr an Unterstützung, nicht nur durch Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch durch andere Expertinnen und Experten - und dass es selbstverständlich Rückzugsmöglichkeiten gibt. Es braucht aber auch Klarheit darüber, dass der Ausschluss von Kindern nicht nur aufgrund einer Beeinträchtigung erfolgt, sondern dass es noch ganz andere Kriterien gibt, nach denen Kinder gemobbt werden. Von einem inklusiven System würden deshalb alle Beteiligten profitieren, weil mehr Möglichkeiten zu einer individuellen Unterstützung da wären.

Was wäre daran schlecht, Herr Ahrbeck?

Bernd Ahrbeck: Man kann natürlich immer darüber nachdenken, wie es irgendwann einmal sein könnte. Die Zeiten sind für das einzelne Kind so, wie sie heute sind. Für jedes Kind muss heute vor Ort der beste Weg gefunden werden, und das Kindeswohl steht an erster Stelle. Und hier beziehe ich mich auf alltägliche Erfahrungen und empirische Untersuchungen: Das Kindeswohl ist nicht für alle Kinder am gleichen Ort realisiert.

Lassen Sie mich noch einen anderen Aspekt in die Debatte einbringen: Die Sonderschule war doch immer auch ein Ort, an den man unliebsame Schüler, jene, die nicht in das System gepasst haben, verwiesen hat. Ist es nicht gut, wenn das endlich verschwindet?

Bernd Ahrbeck: Die einfache Gleichung, dass es sich immer nur um Abschiebung und Etikettierung handelt, halte ich für falsch. Erfolgreiche Sonderschulen erreichen etwas, was unter anderen Bedingungen nicht möglich ist. Ein Beispiel: Es gibt in Deutschland Sprachheilschulen, die sich auf die Behandlung schwerer sprachlicher Beeinträchtigungen spezialisiert haben. Wenn es gelingt, diese Beeinträchtigungen in den ersten vier Jahren einer Schullaufbahn möglichst zu beheben, habe ich kein Problem damit, dass diese Kinder danach wieder in das Regelschulsystem wechseln. Das ist aber eine Frage der Empirie und nicht des guten Willens oder einer moralischen Position.

Marianne Schulze: Wir wissen aber, dass in Österreich gilt: einmal Sonderschule, immer Sonderschule. Die Sonderschule findet ihre Fortsetzung dann meist in Form einer Werkstatt, das sind Einrichtungen, in denen Menschen Beschäftigungen nachgehen, ohne dafür adäquat entlohnt zu werden. Ich möchte diese problematische Wirkung der Sonderschule an mir selbst festmachen: Wäre ich als Sechsjährige mit einer anderen Muttersprache als Deutsch und schwerer Legasthenie vom heutigen Schulsystem beurteilt worden, wäre ich eindeutig in der Sonderschule gelandet. Und: In Österreich findet nach wie vor viel zu wenig gemeinsamer Alltag von beeinträchtigten und chronisch normalen Menschen statt - und das geht für mich in der Diskussion viel zu stark unter.

Wie soll das Bildungssystem in zehn Jahren aussehen?

Marianne Schulze: Der Nationale Aktionsplan für Menschen mit Behinderungen sieht vor, dass wir bis 2020 inklusive Modellregionen haben. Es gibt eine sehr klare Zusage der Bildungsministerin, das auch zu fördern. Und ich denke: Ein Bildungssystem, das nach sämtlichen Kriterien saniert wird und etwa auch die sozioökonomische Segregation beseitigt, ist in unser aller Interesse - nicht nur, weil es eine fundamentale demokratiepolitische Aufgabe ist, sondern auch, weil es sich, wie wir mittlerweile hinlänglich wissen, auch volkswirtschaftlich auszahlt.

Bernd Ahrbeck: Meine Vorstellung umfasst durchaus mehr Gemeinsamkeit. Mein Wunsch ist aber nicht eine Entdifferenzierung des Schulsystems und schon gar nicht eine "Schule für alle". Ich bin für den Erhalt spezieller Einrichtungen in dem Ausmaß, wie es pädagogisch sinnvoll und notwendig ist.

Diskussionsleitung: Elke Ziegler, science.ORF.at

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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