Dienstag, 12. Mai 2015

2015.05.12: Bildung

APA0343 II, XI 12.05.2015 13:16:49

 

Matura: Mathematik früher oft "eingeübte Dressurnummer"

Utl.: Ob neue Matura Unterricht tatsächlich positiv verändert, sei noch offen - Analyse von Aufgabenvorschlägen manchmal "leidvolle Erfahrung"

Oberstufe/Wien/Österreich/Hintergrund

Die Einführung der Zentralmatura in Mathematik ist für Reinhard Winkler vom Institut für Diskrete Mathematik und Geometrie der Technischen Universität (TU) Wien eine Chance für eine grundlegende Veränderung des Mathematik-Unterrichts. Die bisherige Reifeprüfung habe sich oft auf das Abliefern einer "eingeübten Dressurnummer" - auf zwar hohem Niveau, aber ohne tieferes Verständnis - beschränkt.

Aus diesem Grund könne "die neue Matura fast nicht schlechter als die bisherige sein". Denn früher wurden vielerorts "Potemkinsche Dörfer" nach einem eintrainierten Bauplan aufgebaut, erklärte Winkler, der an der TU auch Einstiegsvorlesungen in Lehramtsstudien hält, der APA. Eine Prüfung sieht er als mächtiges Steuerelement, um den Weg dorthin - also den Unterricht - zu verändern. Denn darum gehe es im Grunde.

Ein Fernziel der neuen Matura sei es, Verständnis für die Mathematik dahin gehend zu fördern, dass Absolventen die Fähigkeit erwerben, im Gespräch mit Experten Inhalte ungefähr richtig einordnen zu können. Klarerweise gebe es in der Mathematik Kerninhalte, von denen man eine Ahnung haben sollte, aber auch die Universitäten bräuchten in erster Linie "Leute, die denken können". Gelinge die Vermittlung dieses Anspruchs, "hat Österreich auch im internationalen Vergleich einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht", zeigte sich der Experte überzeugt. Ob das mit der neuen Matura auch tatsächlich gelingt, sei allerdings noch offen.

Als ehemaliges Mitglied der Zentralmatura-Steuergruppe des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) für Mathematik hat Winkler viele potenzielle Aufgaben für die neue Reifeprüfung analysiert - teilweise eine "leidvolle Erfahrung". Aus einigen Beispielen habe noch ein arriviertes Verständnis der Mathematik gesprochen, der Großteil sei aber sehr engagiert und innovativ gestaltet gewesen.

Schön wäre es laut Winkler, wenn es gelinge, mit den Aufgaben "das Lebendige" und das gesellschaftliche Potenzial der Mathematik zu illustrieren. Dazu müsse das Projekt stetig, aber ohne große Umbrüche weiterentwickelt werden. Ob der Größe und Komplexität des Projekts sei klar, dass es immer wieder auch Probleme gebe. Bis die Ansprüche tatsächlich erreicht werden und sich auch der Unterricht zum Besseren verändert, werde aber noch einige Zeit vergehen. Diskussionen unter der Argumentationsgrundlage "Früher war alles besser" seien aber sinnlos.

Die schriftliche Mathe-Matura besteht aus zwei Teilen zu je 24 Punkten. Den ersten Teil bilden die 24 sogenannten "Typ-1-Aufgaben", bei denen die Schüler laut Definition Grundwissen und Grundfertigkeiten "ohne darüber hinausgehende Eigenständigkeit" nachweisen müssen. Dem liegt ein etwa 70 Kompetenzen umfassender Katalog zugrunde, die alle auch in irgendeiner Form vorkommen müssen. Obwohl Winkler darin eine gewisse Einschränkung sieht, gebe es auch Aspekte, die dem Experten fehlen. Diese Aufgaben sehen zwar "einfach aus", würden aber gut funktionieren.

Der zweite Teil besteht aus vier bis sechs umfangreicheren "Typ-2-Aufgaben" (mit je zwei bis sechs Unteraufgaben), bei denen laut Bifie-Angaben eine "selbstständige Anwendung von Wissen und Können erforderlich ist". Hier werde es laut Winkler schwieriger, da "es noch keine gemeinsame Vision gibt, wie eine gute 'Typ-2-Aufgabe' aussieht". Es stelle sich auch die Frage, in wie viel "außermathematischen Kontext" diese Beispiele eingebettet sein sollten.

(S E R V I C E - Die Aufgaben der gestrigen Mathematik-Klausur sind unter http://go.apa.at/deXLYIaD abrufbar.)

(schluss) nt;aku;mk

APA0338 II, XI 12.05.2015 13:13:05

 

Matura: Mathematik-Didaktiker sieht Aufgaben "sinnvoll gestellt"

Utl.: Experte: "Show" alleine reicht nicht mehr - Kann sich "teilzentrale Mathematik-Matura" vorstellen

Oberstufe/Wien/Österreich

Die gestern, Montag, im Rahmen der standardisierten Reifeprüfung in Mathematik gestellten Aufgaben haben bei Hans Humenberger vom Arbeitsbereich Fachdidaktik der Mathematik der Universität Wien einen "positiven Gesamteindruck" hinterlassen. Die Fragen seien "sinnvoll gestellt" und bis auf Details in Formulierungen würde er auch nichts ändern, erklärte Humenberger der APA.

Es habe bei früheren Testläufen auch schon Aufgaben gegeben, die aus fachlicher Sicht nicht zu Unrecht kritisiert wurden. Eine solche ist dem Wissenschafter bei seinem Schnelldurchlauf durch die Beispiele heute, Dienstag, aber nicht aufgefallen. Die zur Bearbeitung der Aufgaben zur Verfügung stehende Zeit sei auch angemessen und die Beispiele nicht zu textlastig, so Humenberger.

Einzig die dritte Aufgabe im zweiten, vertiefenden Teil der gestrigen Klausur für die Maturanten an AHS sei möglicherweise etwas "lang geraten". In diesem Beispiel sind Daten zu Häufigkeiten der Blutgruppen und Rhesusfaktoren in Österreich, Deutschland und weltweit aufgeführt. Angegeben wurde auch, zwischen welchen Blutgruppen Bluttransfusionen möglich sind und zwischen welchen nicht. Darauf aufbauend werden eine Reihe von Fragen gestellt: Unter anderem, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Person mit Blutgruppe "A negativ" zufällig auf einen geeigneten Blutspender trifft.

Das Niveau schätzte Humenberger als angemessen ein. Insgesamt sei der Anspruch der Kompetenzorientierung gut erfüllt worden. War die Mathematik-Matura früher oft eine Art "Show", wo teilweise ein antrainiertes Niveau vorgespielt wurde, das sich nicht im tatsächlichen Verständnis der Schüler widerspiegelte, sei nun weitgehend sicher gestellt, dass man nur bestehen kann, "wenn man etwas verstanden hat".

Aus Sicht der Universitäten heiße das, dass eher Studierende an die Hochschulen kommen, "die von der Sache insgesamt mehr verstehen". Was in der neuen Matura aber nicht so gefragt sei, sind stark vertiefende "operative, technische Aufgaben", die das mathematisch besonders interessierte "obere Drittel oder Viertel" der Schüler speziell gefordert haben. "Die werden jetzt vielleicht nicht mehr so gefördert, weil sich der Unterricht sozusagen auf die Dinge beschränkt, die jetzt bei der Matura gefragt werden", gibt Humenberger zu bedenken.

In diesem Zusammenhang würde ihm, wie auch der Österreichischen Mathematischen Gesellschaft, eine "teilzentrale Mathematik-Matura" besser gefallen. Der erste Teil sollte weiter aus zentral vorgegebenen 24 sogenannten "Typ-1-Aufgaben", bei denen die Schüler laut Definition Grundwissen und Grundfertigkeiten "ohne darüber hinausgehende Eigenständigkeit" nachweisen müssen, bestehen.

Beim zweiten Teil sollte der Klassenlehrer auch tiefer gehende Beispiele zur Bearbeitung geben können. Jetzt besteht dieser Teil aus vier bis sechs umfangreicheren "Typ-2-Aufgaben" (mit je zwei bis sechs Unteraufgaben), bei denen laut Angaben des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) eine "selbstständige Anwendung von Wissen und Können erforderlich ist".

(S E R V I C E - Die Aufgaben der gestrigen Mathematik-Klausur sind unter http://go.apa.at/deXLYIaD abrufbar.)

(schluss) nt;mk

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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