Dienstag, 12. Mai 2015

2015.05.13: Newsletter Bildung

Die Presse – 13. Mai 2015

 

 

Sexualerziehung entzweit zwei Ministerinnen

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek belehrt Familienministerin Sophie Karmasin.

Wien. Die ÖVP-Parteispitze hält die Volkspartei nun mit dem neuen Parteiprogramm für moderner. Was Sexualität und den Unterricht in Schulen betrifft, teilt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) diese Ansicht ganz und gar nicht. Die von der ÖVP gestellte Familienministerin, Sophie Karmasin, hat der Unterrichtsministerin am Samstag via „Presse“ ausrichten lassen, beim neuen Erlass für Sexualerziehung sei ein „Neustart“ notwendig. Denn die Rechte der Eltern würden sonst beschnitten.

Heinisch-Hosek wies nun am Rande des Ministerrats gerade die Familienministerin, mit der sie bisher weitgehend harmonierte, ungewohnt scharf zurecht: „Kollegin Karmasin“ solle einmal den Text für diesen Erlass lesen. Der „alte“ Erlass für Sexualerziehung stammt noch aus das Jahr 1970. Heinisch-Hosek meinte: „Vor 1970 sollten wir nicht zurückgehen.“ Dieses Fernduell vor der Regierungssitzung – Karmasin ist erst danach im Kanzleramt in Richtung Ministerratssaal gegangen – ist Indiz dafür, wie unterschiedlich Rot und Schwarz trotz der von den Schwarzen ausgerufenen Modernisierung Sexualpädagogik und vor allem die Frage, wer bei der Erziehung der Kinder das Sagen haben soll, sehen.

ÖVP: Busek „Botschafter“ bei Neos

Ungleich lockerer nahm ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel die Tatsache hin, dass Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek nun Mitglied des Kuratoriums der Neos-Parteiakademie ist. Damit trage Busek „unsere Botschaft in das Herz der Neos“, scherzte Blümel auf Anfrage der „Presse“. (ett)

 

 

Die Presse – 13. Mai 2015

 

 

Manche Kinder darf man mit ihren Fundi-Eltern nicht alleinlassen

Dass es zwischen Wasser und Sexualität eine Verbindung gibt, hat einst schon Sigmund Freud festgestellt. Hier ist noch ein zweiter Zusammenhang.

 

Wasser ist etwas Schönes. Die einen haben es am liebsten in der Badewanne, die anderen in der Wellnesstherme, wieder andere mögen wilde Wellen im Meer. Wasser gehört zum Leben (mehr sogar: Es ist die Grundlage des Lebens), und ist normalerweise nicht gefährlich. Man sollte allerdings etwas darüber wissen. Angst und Panik sind kontraproduktiv. Stattdessen sollte man spielerisch lernen, damit umzugehen.

Die allermeisten Eltern werden deswegen darauf achten, dass ihre Kinder schwimmen lernen. Sie bringen es ihnen selbst bei oder buchen einen Schwimmkurs. So normal, so vernünftig. Schließlich kann Schwimmen lebensrettend sein. Kinder rutschen auf Böschungen aus, Tretboote können kentern, es gibt Überschwemmungen. Es für Eltern beruhigend zu wissen, dass ihre Kids in solchen Situationen nicht sofort hilflos absaufen.

Einige, wenige Eltern gibt es nur, die sich dieser Logik verweigern. Weil sie selbst panische Angst vor dem Wasser haben und diese Angst auf ihre Kinder übertragen. Oder weil bei ihnen die religiöse Ideologie stärker als die Vernunft ist. Sie finden es unschicklich, dass man sich beim Schwimmen entblößt. Sie finden die Vorstellung unerträglich, dass ihre Töchter mit anderen Kindern vergnügt im Wasser plantschen.

Deswegen wehren sie sich gegen den Schwimmunterricht in der Schule. Dass jemand anders, ohne ihre Kontrolle, ihrem Kind etwas Nützliches beibringt, empfinden sie als Eingriff in ihr elterliches Erziehungsrecht. Man müsse Wasser eben aus dem Weg gehen, meinen sie. Man müsse einfach so tun, als gebe es kein Wasser auf der Welt. Dann werde schon nichts passieren.

Gott sei Dank kommen diese Eltern damit in Österreich nicht weit. Schwimmen gehört aus guten Gründen zum Lehrplan. Es wäre den Kindern gegenüber unverantwortlich, sie in dieser Frage mit ihren verblendeten Eltern alleinzulassen.

Sexualität ist etwas Schönes. Die einen mögen es so, die anderen anders, jeder findet etwas, das ihm oder ihr gefällt. Sexualität gehört zum Leben (mehr sogar: Es ist die Grundlage des Lebens), und ist normalerweise nicht gefährlich. Man sollte allerdings etwas darüber wissen. Angst und Panik sind kontraproduktiv. Stattdessen sollte man spielerisch lernen, damit umzugehen.

Die allermeisten Eltern werden deswegen auch darauf achten, dass ihre Kinder über Sexualität Bescheid wissen. Sie reden selbst mit ihnen oder lassen sich von Büchern oder Experten helfen. So normal, so vernünftig. Schließlich kann es in manchen Situationen wichtig sein, dass Kinder ihrem Gespür vertrauen. Dass sie ihren eigenen Körper kennen. Sie müssen lernen, Nein zu sagen. Und einordnen können, was ihnen begegnet: Anzüglichkeiten beim Chatten, sexistische Werbung, Grenzüberschreitungen, Sexting.

Einige Eltern gibt es, die sich dieser Logik verweigern. Weil sie selbst Angst vor Sexualität haben und diese Angst auf ihre Kinder übertragen. Oder weil bei ihnen die religiöse Ideologie stärker als die Vernunft ist. Die Vorstellung, dass ihr Kind ein sexuelles Wesen sein könnte, ist ihnen unerträglich. Deswegen wehren sie sich gegen Sexualkunde in der Schule.

Dass jemand anders ihrem Kind etwas Nützliches beibringt, empfinden sie als Verletzung ihrer religiösen Gefühle und als Eingriff in ihr elterliches Erziehungsrecht. Man müsse Sex einfach aus dem Weg gehen, meinen sie. Einfach so tun, als gebe es das alles nicht. Solange man über Verhütung nicht rede, werde schon nichts passieren.

Die radikalkatholischen Gruppen, die derzeit gegen den (ohnehin kaum vorhandenen) Sexualkundeunterricht an Schulen hetzen, sind in Österreich mächtiger als jene wenigen, die den Schwimmunterricht verweigern. Hoffentlich kommen auch sie damit nicht durch. Sexualität gehört nämlich zum Leben, genauso wie Sexualkunde zum Lehrplan gehört. Und es wäre den Kindern gegenüber unverantwortlich, sie in dieser Frage mit ihren verblendeten Eltern alleinzulassen.

 

 

Die Presse – 13. Mai 2015

 

 

Mathematik-Zentralmatura: Leichte Pflicht, textlastige Kür

Sport, Ötzi und Taschengeld waren Themen. Mathematiker halten die Klausur für „in Ordnung“.

 

Wien. Wenige Fünfer, wenige Einser: Das erwartet der Mathematiker Rudolf Taschner notenmäßig von der ersten zentralen Mathematikklausur. Denn einerseits seien die Aufgaben des ersten Teils „wirklich sehr leicht“ gewesen – wenn hier 16 der 24 relativ kurzen Aufgaben richtig sind, ist man jedenfalls positiv. Man erkenne die Philosophie dahinter, so Taschner: Möglichst alle sollen durchkommen.

Die Aufgaben im zweiten Teil – hier wurden in vier umfangreicheren Aufgaben tiefergehende Kompetenzen abgefragt – seien dafür anspruchsvoller gewesen, sagt der Mathematiker. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ziemlich textlastig seien. „Da wird von den Schülern schon einiges verlangt.“

>>> Teil 1 der Mathematik-Zentralmatura

>>> Teil 2 der Mathematik-Zentralmatura

Ähnlich sieht das der Mathematikdidaktiker Werner Peschek – der auch an der Auswahl der Aufgaben beteiligt war: „Dass Teil eins sehr leicht ist, halte ich für die erste zentrale Matura für gerechtfertigt.“ Er kritisiert aber, dass rund die Hälfte der Beispiele im ersten Teil nicht wirklich auf Verständnis abzielen – sondern wieder in Richtung Routine gehen.

Einige der Aufgaben im ersten Teil würden nur sehr wenig von dem abweichen, was in den Mathematikbüchern zu finden sei. „Das kann man trainieren – je nach Lehrer wird das mehr oder weniger geschehen sein. Dann muss man es aber wieder nicht verstanden haben.“

Ein Beispiel dafür sei Aufgabe Nummer 14 (siehe unten). „Das ist etwas, was man im Unterricht zigfach macht. Das muss Routine sein.“ Anders etwa Aufgabe eins, zum Taschengeld: „Sie verlangt Verständnis und Interpretation – das kann man in der Form nicht routinisieren.“

Insgesamt gehe es in dem ersten Teil mehr um Interpretation und Darstellung und weniger um (potenziell auswendig gelernte) Rechenfertigkeiten. „Das ist die richtige Richtung. Wenn man den Anteil der Verständnisaufgaben noch erhöht – auf 75 Prozent –, bin ich zufrieden.“

Mathematiker Taschner kritisiert vor allem ein Beispiel im ersten Teil: das dritte. Man müsse nur einfache Summen bilden. „Das Beispiel ist zu primitiv.“ Und: Mathematik sei die Kunst, Kompliziertes einfach zu machen. „Hier ist das Gegenteil gemacht worden.“

Die Aufgaben des zweiten Teils hält Taschner für in Ordnung. Nummer eins – der 200-Meter-Lauf (siehe links) sei okay, Nummer zwei – das mit der Gletscherleiche Ötzi (rechts) „ein Klassiker mit einer interessanten Fragestellung“. Insgesamt waren es vier Beispiele.

Künftig einheitliche Beginnzeit?

Heute wird es noch spannend: Nachdem die gestrige Italienischmatura problemlos verlaufen ist, müssen für Latein nach einem Einbruch Ersatzaufgaben verwendet werden. Betroffen sind 115 Schulen. Insgesamt gibt es 1800 Lateinmaturanten. 21 Schüler maturieren in Altgriechisch.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) überlegt inzwischen, für die Matura einheitliche Beginnzeiten festzulegen – heuer starteten die Klausuren zu unterschiedlichen Uhrzeiten.

 

 

Die Presse – 13. Mai 2015

 

 

Mathematik-Zentralmatura: "Aufgaben sind sehr textlastig"

Mathematiker Rudolf Taschner findet die Beispiele insgesamt in Ordnung, aber eher sprachlich als mathematisch anspruchsvoll. Ein "Nonsens-Beispiel" sei ärgerlich.

Gestern, Montag, wurde die mit Spannung erwartete Mathematik-Zentralmatura geschrieben. Zwei Teile mussten die Schüler dabei bewältigen: Einen verhältnismäßig einfachen, der die Grundkompetenzen abtestet und einen komplexeren, der umfangreiche und tiefer gehende Aufgaben enthält.

>>> Teil 1 der Mathematik-Zentralmatura

>>> Teil 2 der Mathematik-Zentralmatura

Rudolf Taschner, Mathematiker an der Technischen Universität Wien, hält die 24 Aufgaben des ersten Teils für "wirklich sehr leicht". Man würde die Philosophie erkennen: Alle sollen durchkommen.

Die wichtigen Bereiche seien ziemlich durchgehend abgedeckt. Insgesamt würden die Aufgaben den Erwartungen an eine zentrale Prüfung entsprechen. Taschner nimmt an, dass es eher wenig "Nicht Genügend" geben wird, allerdings - wegen des anspruchsvolleren zweiten Teils - auch wenig "Sehr Gut".

Das erste Beispiel des ersten Teils zeigt, wohin die Macher der Zentralmatura wollen:

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Hier geht es darum zu erkennen, was eine Formel besagt und dies in Worte umzuformen. Nämlich: Der Term stellt das im Mittel erhaltene Taschengeld pro Woche dar.

Der Mathematiker Taschner hält es an sich für ein gutes Beispiel - wie die meisten Aufgaben im ersten Teil. Nur das dritte Beispiel des ersten Teils kritisiert er heftig - aus zwei Gründen.

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Erstens: "Das Beispiel ist zu primitiv", sagt Taschner. Man könne es schon in der ersten oder zweiten Klasse Mittelschule geben. Es gehe nur darum, das erste Gehalt mal die erste Eins zu rechnen, das zweite Gehalt mal die zweite Eins, das dritte Gehalt mal die dritte Eins usw., also müsse man nur einfache Summen bilden.

Außerdem sei es "Nonsens", es handle sich gar nicht um ein Skalarprodukt. Das Wort "Vektor" sei fehl am Platz, es handle sich um eine Spalte von Zahlen, um eine Tabelle. "Die Aufgabensteller haben von dieser Art von Beispiel offenbar keine Ahnung", sagt Taschner. Mathematik sei die Kunst, etwas Kompliziertes einfach zu machen. Hier allerdings sei das Gegenteil gemacht worden. "Hier wird nicht Mathematik gemacht," so das Fazit zum dritten Beispiel.

Zweiter Teil: anspruchsvoller und textlastig

Der zweite Teil der Zentralmatura wird als aufwendiger bewertet. "Es wird schon einiges von den Kindern verlangt", sagt Taschner. Allerdings weniger vom Mathematischen als vom Textlichen her. "Den Text gut zu lesen ist eine Anstrengung", sagt Taschner. Für ihn ist deshalb auch die Frage interessant, wie Migranten mit der Mathematik-Klausur zurechtkamen.

Zur Ansicht ein Teil des zweiten Beispiels:

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Dieses Beispiel (hier vollständig zu finden) ist für Taschner ein Klassiker mit einer interessanten Fragestellung. Das dritte Beispiel beurteilt er als "irre lang", das vierte sei "fast wie bei der alten Matura". Insgesamt seien alle Aufgaben im zweiten Teil in Ordnung. Sie würden dadurch schwer, dass der Lehrer diese Beispiele ja nicht spezifisch üben könne, weil er nicht wissen würde, was kommt.

Den ersten Teil zentral zu geben, ist für Taschner positiv, auch um Lehrer zu entlarven, die ihren Schülern nur sehr wenig beibringen. Den zweiten Teil der Matura würde er aber den Lehrern selbst überlassen - er plädiert für eine teilzentrale Matura.

Auffällig ist für den Uni-Professor, dass für die Matura Papier in rauhen Mengen ausgedruckt werde: Wenn man sich das ausrechne, 44 Seiten für fast 20.000 Maturanten, komme ein Bestseller raus, sagt Taschner.

Didaktiker: Fragen wurden "sinnvoll gestellt"

Als nicht zu textlastig sieht Hans Humenberger, Mathematik-Fachdidaktiker an der Uni Wien, die Beispiele. Er hat einen "positiven Gesamteindruck" von der Zentralmatura. Die Fragen seien "sinnvoll gestellt" und bis auf Details in Formulierungen würde er auch nichts ändern.

Das Niveau schätzte Humenberger als angemessen ein. Insgesamt sei der Anspruch der Kompetenzorientierung gut erfüllt worden. War die Mathematik-Matura früher oft eine Art "Show", wo teilweise ein antrainiertes Niveau vorgespielt wurde, das sich nicht im tatsächlichen Verständnis der Schüler widerspiegelte, sei nun weitgehend sicher gestellt, dass man nur bestehen kann, "wenn man etwas verstanden hat".

Oberes Drittel "nicht mehr so gefördert"

Aus Sicht der Unis heiße das, dass eher Studierende an die Hochschulen kommen, "die von der Sache insgesamt mehr verstehen". Was in der neuen Matura aber nicht so gefragt sei, sind stark vertiefende "operative, technische Aufgaben", die das mathematisch besonders interessierte "obere Drittel oder Viertel" speziell gefordert haben. "Die werden jetzt vielleicht nicht mehr so gefördert, weil sich der Unterricht sozusagen auf die Dinge beschränkt, die jetzt bei der Matura gefragt werden", gibt Humenberger zu bedenken. In diesem Zusammenhang würde auch ihm eine "teilzentrale Mathematik-Matura" besser gefallen.

Der Bewertungsschlüssel: Für ein "Genügend" müssen die Schüler im ersten Teil zwei Drittel der Aufgaben richtig gelöst, also 16 Punkte erreicht werden - unabhängig von der Punkteanzahl im zweiten Teil. Ausnahme: Im zweiten Teil können noch extra gekennzeichnete sogenannte "Ausgleichspunkte" gesammelt werden, die für den ersten Teil angerechnet werden.

 

 

Die Presse – 13. Mai 2015

 

 

Ministerin ohne Rückendeckung

Die SPÖ lässt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek "im Regen stehen".

Wien. Die SPÖ lässt die Bildung im Wesentlichen Sache von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek sein – besonders, wenn es heikel wird. „Vor allem in kritischen Phasen und bei angespannter Stimmung wird die Ministerin im Regen stehen gelassen.“ Diesen Befund stellt MediaAffairs nach einer Analyse der bildungspolitischen Berichterstattung im ersten Quartal aus. So entfallen 56 Prozent der Berichterstattung auf die SPÖ – fast ausschließlich auf Heinisch-Hosek. „Obwohl immer wieder Probleme auftreten, erhält die Ministerin kaum Rückendeckung aus den eigenen Reihen.“

Die ÖVP mischt mit einem knappen Drittel an der Bildungspolitik mit. Sie setzt eigene Themen – etwa Integration – „und weicht dem Dauerstreitthema Gesamtschule geschickt aus“. Die mit Abstand aktivste Oppositionspartei sind die Grünen. Ihr Bildungssprecher Harald Walser ist auch derjenige, dem von anderen Parteien über die Medien die meiste Zustimmung ausgerichtet wird. Die meiste Angriffsfläche bietet auch hier Heinisch-Hosek, gefolgt von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) – der zugleich bei der Zustimmung an zweiter Stelle liegt – und Burgenlands Landeschef Hans Niessl (SPÖ) mit seinem Vorstoß für Strafen für „Integrationsverweigerer“.

Integration in Schulen war im ersten Quartal auch Thema Nummer eins, gefolgt von der Bildungsreform und – ganz aktuell – der Zentralmatura. Generell konstatiert MediaAffairs: „Wie in kaum einem anderen Politikbereich wechseln die medialen Themen so rasch und kehren nach einer gewissen Zeit sehr zuverlässig wieder.“ (beba)

 

 

Die Presse – 13. Mai 2015

 

 

Zentrale Tests: Aufstand gegen „Communist Core“ in den USA

Ganze Schulklassen in den USA boykottieren den Common Core in Mathematik und Englisch. Die Schulreform der Präsidenten Bush und Obama versinkt in Missmanagement.

Washington. Wenn in den USA ein gesellschaftliches Problem das Interesse des Komikers John Oliver erweckt, heißt das für die Verantwortlichen üblicherweise nichts Gutes. Vergangene Woche knüpfte sich Oliver in seiner „Last Week Tonight“-Show die Tests vor, welche die Mathematik- und Englischkenntnisse amerikanischer Schüler aller Klassen nach den Common Core State Standards prüfen. Mit skurrilen Videoclips und scharfer Zunge führte er die Absurditäten dieser Bildungsreform vor: Von bizarren Textbeispielen, in denen sich eine sprechende Ananas einen Wettlauf mit einem Hasen liefert, über einen mehrfach diplomierten Hochschullehrer, der am Verständnis der Prüfungsaufgaben für Volksschüler scheiterte, bis zu früheren Korrektoren, die zu Protokoll gaben, dass sie von ihren Vorgesetzten angewiesen worden seien, Noten nicht danach zu vergeben, wie gut ein Schüler die Fragen beantwortet hat, sondern ähnlich viele Einser, Zweier, Dreier, Vierer und Fünfer zu verteilen wie im Vorjahr.

Jim Propst sieht diesen Beitrag mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Wir Lehrer schauen uns das alles an und sagen: Ja, genau so ist es“, erklärt er im Gespräch mit der „Presse“. Propst, der unter anderem in Salzburg studiert und in Wien Englisch unterrichtet hat, ist Deutschlehrer in North Carolina. Common Core betrifft seinen Unterricht nicht unmittelbar, das wachsende Phänomen standardisierter Tests aber sehr wohl. „Die Kinder mögen es nicht, die Lehrer mögen es nicht, aber wenn wir dagegen protestieren, heißt es von den Schulbehörden: Gut, dann verliert ihr euren Job.“

Widerstand von rechts bis links

Seit einigen Monaten wächst der Widerstand gegen Common Core, in manchen Teilstaaten werden die Tests weitreichend boykottiert. Mehr als 200.000 Schüler im Staat New York haben zuletzt nicht an den Tests teilgenommen. Sie sind ins Kreuzfeuer mehrerer Gruppen gekommen, die sonst nie im selben Boot zu finden sind: So gut wie jeder republikanische Präsidentschaftskandidat geißelt sie als „Communist Core“, die Lehrervertreter laufen Sturm, und selbst politisch neutrale Elternvereine und Schulleiter sind frustriert.

Dabei war Common Core lange unumstritten. Denn Demokraten und Republikaner waren in seltener Einigkeit davon überzeugt, dass standardisierte Tests helfen, benachteiligten Kinder zu helfen, schlechte Lehrer herauszufiltern und gute zu honorieren. In einer seiner ersten Amtshandlungen unterzeichnete Präsident George W. Bush Anfang 2001 ein Gesetz namens „No Child Left Behind“, das vorsah, dass von der dritten bis zur zwölften Schulstufe jedes Kind jedes Jahr in Mathematik und Englisch getestet wird. 2009, ebenfalls nicht lange nach seinem Amtsantritt, legte Nachfolger Barack Obama mit dem „Race to the Top-“Programm nach: Schulen, die besonders gut abschneiden, sollten zusätzliche Bundesmittel erhalten; ansonsten sind für die Schule Kommunen und Teilstaaten zuständig. Um die pädagogischen Leistungen zu messen, beschloss die Konferenz der Gouverneure gemeinsam mit der Vereinigung der Schulbehördenleiter die Common Core State Standards. Doch in der Umsetzung passierte der Kardinalfehler: Man überließ dies großteils der Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates und vergab millionenschwere Aufträge für die Erstellung von Lehrmaterialien und zur Durchführung der Tests an den britischen Medienkonzern Pearson. Laut „Washington Post“ kontrolliert Pearson heute 39 Prozent des Marktes für Schultests und verdient laut einer Studie der Brookings Institution allein damit pro Jahr eine Viertelmilliarde Dollar.

Die Lehrer fühlen sich entmündigt. Sie müssen Stillschweigensvereinbarungen unterzeichnen, die es ihnen verbieten, selbst nach den Tests konkrete Fragen zu veröffentlichen. „Wenn ich selbst einen Test verfasse und sehe, dass alle Schüler Frage vier falsch haben, kann ich daraus schließen, dass sie schlecht oder falsch formuliert war oder ich den Stoff nicht gut unterrichtet habe“, sagt Jim Propst. „Aber mit den standardisierten Tests wissen wir nicht, was das Problem war. Wie sollen wir da unterrichten?“

Wie es weitergeht, ist offen. Immer mehr der 45 Teilstaaten, die Common Core eingeführt hatten, machen das rückgängig. Die Brookings Institution kommt in einer Studie zum Schluss, dass die Verbesserungen für die Schüler „nur klein“ und innerhalb der statistischen Schwankungsbreite seien. Jim Propst jedenfalls hat sich seine Rückkehr in den amerikanischen Lehrerberuf nicht so bürokratisch vorgestellt: „Im Vergleich mit Amerika ist es in Österreich tausendmal besser.“

 

 

KLZ – 13. Mai 2015

 

Latein- und Griechisch-Klausuren schließen Zentralmatura ab

Mit den Klausuren in den Fächern Latein und Griechisch wird heute, Mittwoch, die erste österreichweite Zentralmatura an den AHS abgeschlossen. Nach einem Einbruch in eine Salzburger Schule in der Vorwoche, bei dem auch Latein-Aufgaben geöffnet wurden, kommt dabei gleich auch der für solche Fälle vorgesehene Notfallplan zum Einsatz: Die Schulen erhalten in der Früh Ersatzaufgaben.

Betroffen sind jene rund 700 Schüler, die Latein in der Langform (sechs Jahre) hatten. Diese Prüfungen werden bundesweit einheitlich um 10:00 Uhr beginnen. Nicht vom Einbruch betroffen waren die Aufgaben für die 1.100 Matura-Kandidaten mit vier Jahren Latein und die 21 Griechisch-Maturanten

Bei den Klausuren müssen in 270 Minuten ein Übersetzungsteil (36 Punkte) und ein Interpretationsteil (24 Punkte) absolviert werden. Die Schüler erfahren ihre Zentralmatura-Ergebnisse spätestens am 22. Mai.

 

 

KLZ – 13. Mai 2015

 

Auch Italienisch-Klausuren liefen problemlos ab

Die standardisierte Reifeprüfung (Zentralmatura) in Italienisch ist am Dienstag ohne Probleme über die Bühne gegangen. Das teilte das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) der APA mit. Wie bereits in den vergangenen Tagen wurden erneut keine fehlenden bzw. unvollständigen Angaben gemeldet.

Österreichweit traten insgesamt rund 800 Schüler zur Italienisch-Zentralmatura an. Wie in allen anderen lebenden Fremdsprachen umfasste diese Prüfung vier Teile (Leseverständnis, Hörverständnis, Sprachverwendung im Kontext, Schreiben). Die Bearbeitungszeit betrug insgesamt 270 Minuten.

Am Mittwoch wird die Zentralmatura mit den Klausuren in den Fächern Latein und Griechisch beendet. Da vergangene Woche im Zuge eines Einbruchs an einer Salzburger Schule ein Kuvert mit den Angaben zu Latein in der Langform (sechs Jahre) geöffnet wurde, triff der Notfallplan in Kraft. Die Schulen erhalten in der Früh Ersatzaufgaben. Die Prüfungen in Latein-sechsjährig werden deshalb bundesweit um 10:00 Uhr beginnen. Unverändert bleiben Angaben und Beginnzeit der Klausuren in den Fächern Latein-vierjährig und Griechisch.

 

 

Österreich – 13. Mai 2015

 

Hochspannung vor Latein-Matura

Die letzte schriftliche Matura-Prüfung geht heute über die Bühne.

Einmal noch heißt es heute Zittern, bevor alle schriftlichen Zentralmatura-Prüfungen absolviert sind. Besonders spannend wird es für 684 Latein-Schüler der sechsjährigen Langform. Sie müssen heute eine Ersatz-Matura lösen. Grund: Vergangene Woche wurden bei einem Einbruch ins Salzburger Akademische Gymnasium die Kuverts mit den ursprünglichen Angaben geöffnet. Deshalb tritt jetzt für 115 Schulen Plan B in Kraft:

  • Am Dienstagabend mussten die Direktoren die neuen Aufgaben downloaden, aber nur in verschlüsselter Form.
  • Den Code für die Entschlüsselung können sie erst ab heute, 6.30 Uhr in der Früh, verwenden, um die Beispiele auszudrucken und zu kopieren.
  • Die Beginnzeit der Latein-Matura wurde auf zehn Uhr verschoben, falls es bei dem Prozedere zu einer neuerlichen Panne kommt.

Altgriechisch: Matura für 21 Schüler in elf Schulen
Neben der Latein-Matura findet heute auch die „Mini-Matura“ in Altgriechisch statt. Lediglich 21 Schüler in elf Schulen treten an.

Sollte auch der letzte Maturatag weitgehend pannenfrei vorübergehen, sitzt SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek vorerst wieder fest im Sattel. Nach der Pannenserie vergangenes Jahr war ihr Rücktritt im Raum gestanden.

Aufatmen bei Gabriele Heinisch-Hosek nach der Premiere der flächendeckenden Zen­tralmatura. Für die kommenden Jahrgänge zeigt sich die SPÖ-Bildungsministerin „offen für Änderungen“. Konkret kann sie sich einheitliche Beginnzeiten der Zentralmatura-Prüfungen in allen Schulen vorstellen.

Heinisch: Offen für Änderungen

Zudem will sich Heinisch-Hosek „ansehen, ob die Zahl der Vorbereitungsstunden für die mündliche Matura ausreichen“. Diese wurden von 16 auf vier gekürzt.

 

 

Der Standard – 13. Mai 2015

 

 

Reformagenda: Was man von ausgezeichneten Schulen lernen kann

Karin Riss

Was wäre das für eine Schule, in der die Schüler immer verschiedener werden dürfen? Was haben gelingende Schulen gemein? Und was können wir von ihnen für die Schulen von morgen lernen?

Aufregung allerorts: Leistungstests. Timss. Pirls. Pisa. Jetzt auch noch die neue Reifeprüfung. Ein System in Daueraufruhr. Auch weil die Resultate der heimischen Schüler in Relation zu den Investitionen in das Bildungssystem bescheiden sind.

Die Trends in International Mathematics and Science Study (Timss) wies Österreich im Vergleich mit 49 anderen Ländern zuletzt Platz 23 zu. Bei der Lesevergleichsstudie Pirls (Progress in International Reading Literacy Study) rutschte "good old Austria" auf Platz 25 von 45 Teilnehmerländern ab. Platz elf von 35 Teilnehmerländern im Pisa-Mathematik-Vergleichstest wird da beinahe frenetisch gefeiert.

Dass die österreichischen Schüler gleichzeitig jene sind, die am wenigsten Freude an Mathematik zu haben scheinen (nur 45 Prozent stimmten 2012 der Aussage "Mich interessiert das, was ich in Mathematik lerne" zu) – na ja, was soll's.

Bildungsgerechtigkeit

Wenn heute von Bildung die Rede ist, geht es laut Michael Schratz, dem Dekan der School of Education an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, weltweit vor allem um zwei Bereiche: Neben dem oben angeführten Wettbewerbsgedanken ist vor allem das Thema Bildungsgerechtigkeit ein zentrales. Dass Österreich auf diesem Gebiet noch einiges zu lernen hat, bestätigte erst im April wieder die Statistik Austria. Deren Chef Konrad Pesendorfer sprach gar von einem "Bildungs-Gen", das in Österreich "nach wie vor sehr stark am Arbeiten ist". Soll heißen: Wer Akademikerkind ist, schafft es oftmals auch selbst zum Hochschulabschluss. Wessen Eltern lediglich die Schulpflicht abgeschlossen haben, dessen Chancen auf einen akademischen Titel sinken rapide. Geringe "Bildungsmobilität" nennt sich das.

Erziehungswissenschafter Schratz kennt sie, die Schulen, die neben guten Schülerleistungen das Bestreben haben, den Schülern auch den Weg in ein erfülltes Leben zu bereiten. Als Sprecher der Jury des deutschen Schulpreises weiß er, was erfolgreichen Schulen gemein ist. Für besonders wichtig erachtet er den "Umgang mit Vielfalt". "Wie gehen wir damit um, dass unsere Gesellschaft immer heterogener wird?", fragt Schratz und sieht Schule als den einzigen Ort, an dem solch ein demokratisches Handeln gelernt werden könne, denn: "Einen anderen Ort gibt es nicht." Was ihn zur "Verantwortung" führt, der zweiten wesentlichen Säule bei der Wahl der besten deutschen Schulen.

Untertanenstaat

Ein wichtiges Thema, gerade in einem historischen Untertanenstaat wie Österreich. Schratz konkretisiert das große Wort anhand eines kleinen Beispiels. Stichwort Start-ups: "Wo bekomme ich überhaupt unternehmerischen Geist her? Wenn dafür nicht der Grund gelegt wird in der Schule, ist es viel zu spät." Das Problem: "An unseren Schulen wird viel mehr unterrichtet als aufgerichtet. Verantwortungsübernahme lässt sich aber nicht unterrichten." Hier gehe es um eine Haltungsfrage.

Stattdessen: Bundeslehrer. Landeslehrer. Volksschule. Hauptschule. Gymnasium. Sonderschule. Was in Österreich seit Jahrzehnten unter dem Titel Bildungsreform diskutiert wird, hat mit dem Wesen von Bildung nicht viel gemein. Menschen, die täglich mit dem Schulbetrieb zu tun haben, Kinder, Lehrer, Eltern, reagieren vielfach müde bis verzweifelt. Schratz spricht von "ungeheuren Reibungsverlusten" an den Schnittstellen des Systems: "Was da an Energie investiert wird, damit die richtigen Kinder in die richtigen Schulen kommen! Würden wir die nutzen, um alle besser zu machen, wären wir weiter."

Der Systemblick aufs bessere Ganze fehle in Österreich. Wenn auch noch so oft als beispielgebend strapaziert: In Finnland herrsche die Einstellung, die Besten sollen Lehrer werden. Schule arbeite oben, im Norden, nach dem Prinzip: "Wir schauen, dass alle ans Ziel kommen." Habe ein Schüler Probleme, setzten sich alle für ihn ein. "Die Schule als lernende Organisation" nennt das der Experte – und liefert eine weitere Erfolgsingredienz für deutsche Schulpreisschulen. Die natürlich nicht die Einzigen sind, wo Neues entsteht.

Modellregion

Knapp vor dem Parteitag am Dienstag zeigte sich dann auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner offen für schulische Weiterentwicklung. Die Bundes-ÖVP wolle einer Modellregion für die gemeinsame Schule in Vorarlberg jedenfalls nicht im Weg stehen, ließ er via Radio Vorarlberg wissen. Am 22. Mai will die Landesregierung ihr pädagogisches und organisatorisches Maßnahmenpaket zur Weiterentwicklung der Sekundarstufe I präsentieren.

Was gelingende Schulen vor allem eint: Schulleitungen, die Leadership wahrnehmen. Kein Managementtraining, da bleibt die Haltung auf der Strecke. Gemeint sind Direktorinnen und Direktoren, die nicht bloß im, sondern am System arbeiten. Die bestehende Gesetze möglichst günstig für den eigenen Schulbetrieb auslegen, die beschränkte Autonomie bis an ihre Grenzen und darüber hinaus treiben. Mit Zustimmung des österreichischen Jurymitglieds: "Schulen sollen ja so etwas wie Labore der Zukunft sein. Diese Schulen arbeiten am nächsten Paradigma."

Will man das an konkretem "qualitativem Unterricht" festmachen (übrigens und logischerweise ein weiteres Qualitätsmerkmal), fällt dem Schulkenner Schratz ein Gymnasium im deutschen Neuruppin ein. Einmal im Jahr übernehmen dort die Schüler der Oberstufe den gesamten Schulbetrieb. Die Lehrer gehen auf Fortbildung. "Bei uns würde sofort die Frage gestellt, wer denn da die Verantwortung übernehme", ist sich Schratz sicher. Weil Schule viel zu sehr eine Misstrauensorganisation denn eine Vertrauensorganisation sei.

Sinnstiftendes Lernen

Keine wie auch immer geartete Bildungsreform "von oben" kann alleine so ein sinnstiftendes Lernen im Leben verordnen. Dazu braucht es die Leute vor Ort. Auch das eint gelingende Schulen: Hier nutzt man die gemeinsame Expertise, um kluge Lösungen zu finden.

Ein Viertel aller Schüler bekommt hierzulande Nachhilfe. Ein Schüler kann zu wenig Deutsch. Hat die Behinderung X. Sitzt in der falschen Schule. Deshalb passt er nicht hierher. Preisträgerschulen versuchen Lösungen zu finden, statt Probleme zu wälzen. Das geht nicht immer, dafür häufig unter großer Kraftanstrengung. Das geht schon gar nicht als Einzellehrperson. Schratz: "Dafür müssen wir weg von diesem 'ich und mein Unterricht', 'ich und meine Klasse' in Richtung 'wir und unser Jahrgang' oder 'wir und unsere Schule'." Auch eine Haltungsfrage.

Mit dem Befund des Schweizer Kinderarztes Remo Largo, der in der größten europäischen Langzeitstudie zur Entwicklung von Kindern herausgefunden hat, dass jedes Kind anders ist und immer verschiedener wird, lässt sich solcherart wohl besser umgehen. Und wenn der Erziehungswissenschafter Reinhard Kahl daraus die Frage ableitet: "Was wäre das für eine Schule, in der die Schüler immer verschiedener werden dürfen?", dann helfen die Schulpreisschulen als hoffnungsfrohe Inspirationsquelle. Auch für österreichische Bildungsreformer?

 

 

"Der Standard" vom 13.05.2015                                Seite: 7

Ressort: Inland

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Zentralmatura: Ministerin für einheitlichen Beginn

 

   KURZ GEMELDET

 

   Wien – Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) regt an, bei der Zentralmatura im kommenden Jahr einheitliche Beginnzeiten einzuführen, denn: Gleiche Vorgaben bei der Prüfung seien „relevant“. Wenn entsprechende Vorschläge der Landesschulräte kommen, könnte eine Änderung erfolgen. (red) Gastkommentar Seite 34

 

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"Der Standard" vom 13.05.2015                               Seite: 34

Ressort: Kommentar der anderen

 

Christian Schacherreiter: CHRISTIAN SCHACHERREITER (Jahrgang 1954) ist Germanist, Schulbuchautor und Direktor des Georg-von-Peuerbach-Gymnasiums in Linz.

 

Bundesland, Bundesland Abend

 

Zentralmatura: Zu eng, zu krampfhaft, zu spießig

 

Die Deutschaufgaben wurden brav exekutiert. Kreativ allerdings geht anders

 

   Wir haben sie hinter uns, die erste flächendeckende Deutschmatura mit zentral erstellten Aufgaben. Im Unterschied zum Probedurchgang im Vorjahr gab es diesmal wenig Kritik, geschweige denn große Aufregungen. Dafür darf man dem Bifie, das von einem Übermaß an Lob nicht gerade verwöhnt ist, ruhig einmal Anerkennung aussprechen. Im Rahmen der Vorgaben wurde solide Arbeit geleistet. Betonen sollte man aber: im Rahmen der Vorgaben. Denn die wären sehr wohl einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

 

   Ludwig Laher hat im STANDARD vom 6. Mai seine Kritik am derzeit üblichen Format der literarischen Aufgabe erörtert („Zentralmatura: Oberflächlich tief“). Dem ist wenig hinzuzufügen. Viele Deutschlehrer halten es für wünschenswert, dass eines der drei Wahlthemen ausschließlich aus einer Literaturaufgabe besteht und die geforderte Textsorte nichts anderes ist als ein klassischer Interpretationsaufsatz. Wer den beherrscht, ist kompetent genug. Darüber, ob für die Bewältigung dieser Aufgabe literaturhistorisches Kontextwissen notwendig ist, kann man geteilter Meinung sein. Wenn man das will, dann käme man um einen verbindlichen Kanon wohl nicht herum.

 

   Was ich auf alle Fälle für zweckdienlich halte, ist ein methodischer „Kanon“, also ein verbindliches methodisches Handwerkszeug der Interpretation, vor allem Termini, mit denen man ästhetische und sprachliche Textmerkmale bezeichnen kann, angefangen von der „Metapher“ über den „Kreuzreim“ bis zur „Erzählperspektive“. Über diese Anforderung müsste allerdings bei Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern Klarheit herrschen. Zum Beispiel könnte man einen methodischen Kanon in Lehrpläne schreiben.

 

   Formales Korsett

 

   Es geht aber nicht nur um die Literatur. Das gedankliche und formale Korsett, das die Themenstellung den Kandidatinnen und Kandidaten anlegt, ist generell zu eng, zu starr, zu künstlich. Der Grund dafür liegt einerseits darin, dass bei jeder Aufgabe eine (angeblich reale) Schreibsituation vorgegeben werden muss. Das kann sinnvoll sein, zum Beispiel bei den Textsorten Rede und Empfehlung, aber dort und da führt dieser Zwang zu krampfhaften Konstrukten – oder zu redundanten, da sie ohnedies schon durch die Textsorte vorgegeben sind. Dass ein Leserbrief für ein bestimmtes Medium geschrieben wird und nicht für die Nachtkästchenlade, versteht sich von selbst.

 

   Ein wahres Prokrustesbett für die Themensteller ist der dreiteilige Operatoren-Kanon. Unter Operatoren versteht man Verben, die Anweisungen zu Schreibhandlungen geben, z. B. beschreibe, erörtere, interpretiere usw. Die Themensteller müssen bei jedem Einzelthema aus jeder der drei Gruppen wenigstens einen Operator verwenden. Während früher die Formulierung dem inhaltlichen Anliegen folgte, ist es jetzt umgekehrt. Am Anfang stehen Formulierungsnormen. Diese Kuriosität kommt nicht aus der Sprachdidaktik, sondern aus der Psychometrie, das ist jene bedauernswerte Wissenschaft, deren einzige Obsession die Vermessung der Welt ist. Die Qualität von Texten kann aber nicht quantitativ bestimmt, sondern nur qualitativ diskutiert werden, denn Sprache ist etwas Lebendiges und Sinnliches.

 

   Der Folgeschaden des Operatoren-Dogmas besteht nicht nur darin, dass die Themenstellungen sperrig wirken, sondern auch darin, dass die Schülerinnen und Schüler – sogar die überdurchschnittlich begabten – fast nur mehr darum bemüht sind, den mittels Operatoren gestellten Teilaufgaben gerecht zu werden.

 

   Der sprachliche „Output“ einer Deutschmatura besteht daher meist aus brav gefertigter Massenware, gefällig, gediegen, irgendwie brauchbar, aber gedanklich schlicht und farblos, zumal oft nur die Inhalte jener Textvorlagen (meist Zeitungsartikel) variiert werden, die den Aufgaben zugrunde liegen. Kreativ ist jedenfalls anders.

 

   Ähnlich beckmesserisch wie das Aufgabenformat ist auch der Beurteilungsraster gestaltet. Er ist zu kompliziert, zu aufwendig, zu unflexibel und nur bedingt sachdienlich. Die Beurteilungskriterien sind nicht auf alle neun Textsorten anwendbar. Und apropos Textsorten: Manche, zum Beispiel die Zusammenfassung, eignen sich nicht als eigenständige Aufgabe für die Matura. Auch darüber wäre nachzudenken.

 

 

"Heute" vom 13.05.2015                                        Seite 4

Ressort: Politik

 

Heute Hauptausgabe, Heute Niederösterreich, Heute Oberösterreich

 

Matura soll nächstes Jahr zeitgleich starten

 

Beginnt die Zentralmatura im nächsten Jahr tatsächlich für alle Schüler und an allen Schulen exakt zur gleichen Zeit? Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, die diese Forderung vor der heurigen Matura noch abgelehnt hatte, wälzt offenbar entsprechende Pläne. Bei einer Prüfung mit einheitlichen Vorgaben sei das "relevant", sagte sie am Dienstag vor dem Ministerrat. Allerdings: Vorschlagen müssten die einheitliche Beginnzeit die Landesschulräte.

 

Nicht gelten lassen wollte die Ministerin am Dienstag Kritik der FPÖ am Einsatz von Hilfssoftware bei der Mathe-Matura ("Heute" berichtete). Mit dem Programm ließen sich die Aufgaben nicht lösen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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