Freitag, 22. Mai 2015

2015.05.22: Bildung

Mittagsjournal, 22.5.2015

 

 

Vorarlberg: Schulmodellregion

Peter Metzler

In welche Schulen werden die Vorarlberger Kinder in Zukunft gehen? Das Land Vorarlberg hat in Zusammenarbeit mit zahlreichen Experten vor zwei Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, um Antworten zu finden. Die Antwort liegt seit heute Vormittag vor.

Es ist ein wissenschaftlicher Band mit fast drei Zentimeter Stärke. Das Ergebnis der Experten ist trotz der Vielzahl an Daten überraschend klar: das zweigliedrige Schulsystem mit Neuer Mittelschule auf der einen und Gymnasium auf der anderen Seite geht an der Realität vorbei.

 

 

APA0318 II, XI 22.05.2015 12:51:36

 

Vorarlberg will Gesamtschule einführen - in acht bis zehn Jahren

Utl.: Ergebnis eines breit angelegten Forschungsprojekts - Viele Vorarbeiten notwendig

Schule/Unterstufe/Vorarlberg

Vorarlberg strebt in acht bis zehn Jahren die Einführung einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen an. Diese Zielsetzung basiert auf den Ergebnissen einer Forschungsinitiative des Landes. Bis es soweit sein könnte, müsse aber noch viel Vorarbeit und ein organisatorischer und rechtlicher Rahmen geschaffen werden, sagte Landesrätin Bernadette Mennel (ÖVP) bei der Ergebnis-Präsentation am Freitag.

Im Vorarlberger Forschungsprojekt zur Gemeinsamen Schule haben sich Expertengruppen unter anderem mit rechtlichen und organisatorischen Fragen sowie pädagogischen Konzepten einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen auseinandergesetzt. Im November 2013 nahmen rund 19.700 Lehrer sowie Eltern von Kindern aus der vierten, sechsten und achten Schulstufe sowie Schüler der Volksschule, der Neuen Mittelschule (NMS) und der Gymnasiumunterstufe an einer Befragung teil. So wurden 1,8 Millionen Einzeldaten zum Ist-Zustand der Schule und zu Weiterentwicklungs- und Änderungswünschen gesammelt und aufbereitet.

Das Fazit der Bildungsexperten im Abschlussbericht zum Projekt fiel eindeutig aus: "Für das Bundesland Vorarlberg wird mittelfristig landesweit die Einrichtung einer gemeinsamen Schule von der fünften bis zur achten Schulstufe auf Basis von Individualisierung bzw. Personalisierung und innerer Differenzierung empfohlen", heißt es dort. Projektleiterin Gabriele Böheim-Galehr betonte dabei, dass bei der Erarbeitung der Empfehlungen die Qualitätskriterien der OECD für erfolgreichere Schulsysteme die Basis gebildet hätten und man sich an die erhobenen Fakten gehalten habe.

Die Qualitätskriterien der OECD haben einerseits die schulische Leistung als Maßstab, andererseits aber auch die Chancengerechtigkeit. Aufgrund der Forschungsinitiative seien die Expertengruppen zum Schluss gekommen, dass die gemeinsame Schule zur Erreichung dieser Ziele den besseren organisatorischen Rahmen bilde als das aktuelle Schulsystem, unterstrich Böheim-Galehr.

Johann Engleitner aus dem Expertenteam untermauerte diese Feststellung mit Befragungsergebnissen aus der Studie. So wollten in den Städten 60 Prozent der Eltern ihre Kinder ins Gymnasium bringen, während es in den Talschaften nur 21 Prozent seien. "Das hat den Grund, weil dort das Angebot nicht da ist, der Zugang ist nicht für alle gleich", so Engleitner. Ebenso sei derzeit der Bildungshintergrund der Eltern ganz entscheidend für die Schullaufbahn der Kinder. "Wir verschenken Talente", stellte er fest.

Gleichzeitig sei es aber so, dass - im Bereich der Mathematik erhoben - die Hälfte der als nicht-AHS-reif eingestuften Schüler der fünften Schulstufe dieselbe Leistung erbrächten wie die Schüler im Gymnasium. "Das ist nicht erfunden, das ist nicht Dschibuti, das ist Vorarlberg", so Engleitner. Die Einstufung sei völlig unzeitgemäß, mit einem neuen System "würden wir uns diese Traurigkeiten ersparen".

Laut Studie sind Volksschulnoten "kein taugliches Mittel, um Schulwegentscheidungen im Alter von zehn Jahren zu treffen". 78 Prozent der befragten Eltern und Lehrer sahen bei einer gemeinsamen Schulform mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder. 72 Prozent glaubten an einen Vorteil, wenn die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg später getroffen wird.

Um die Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen einführen zu können, müssten aber noch umfangreiche Vorarbeiten geleistet werden. Der für Pädagogik zuständige Experte Michael Schratz sprach etwa von personalisiertem Lernen, von einer Förder- statt einer Defizitorientierung oder auch von einer Unterstützung der Lehrer ("haben viel zu stark das Einzelkämpfertum"). Die gemeinsame Ausbildung der Lehrer (ab 2016) oder auch eine verstärkte Schulautonomie wurden als weitere Kriterien genannt. Erwin Beck und Evelyn Marte-Stefani zeichneten die erforderlichen organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen nach. "Man muss behutsam vorgehen, sich für die Entwicklung Zeit lassen", mahnte Beck.

Mennel unterstrich, dass Vorarlberg eine "bessere Schule" anstrebe und der Bund seinen Teil dazu werde beitragen müssen. Vorarlberg mache sich nun auf den Weg, die Vorarbeiten anzugehen. Dazu werde man auch eine entsprechende Struktur und eine Geschäftsstelle aufbauen. Wenn dann die Zeit reif sei, werde man - insbesondere wegen der rechtlichen Rahmenbedingungen - an den Bund herantreten. Zur Einführung der gemeinsamen Schule als neuer Schultyp müssten sowohl das Schulorganisations- als auch das Schulunterrichtsgesetz geändert werden.

Dass in Vorarlberg nicht alle von der Idee der gemeinsamen Schule begeistert sind, machte sogleich die Initiative "Pro Gymnasium" klar. Die Vorarlberger wollten die Gesamtschule nicht, 90 Prozent der Bürger seien mit dem Bildungssystem zufrieden. Auch das sei ein Ergebnis des Forschungsprojekts, stellte "Pro Gymnasium"-Landessprecher Wolfgang Türtscher fest. Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung sprachen sich hingegen für die Umsetzung der Empfehlungen aus.

(schluss) jh;ast;cm;jul

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen