Donnerstag, 21. Mai 2015

2015.05.22: Newsletter Bildung

"Profil" Nr. 22/2015 vom 22.05.2015                          Seite 13

Ressort: Österreich

 

J. W.

 

 

Bildungslücken

 

Das heimische Bildungssystem steht sinnbildlich für das österreichische Prinzip der kleinkarierten Interessensvertretung und steten Reformblockade. Die Folge: 23 Prozent aller Kinder sind auf Nachhilfe angewiesen, zusätzlich muss ein Drittel der Eltern nahezu täglich mit dem Nachwuchs zu Hause lernen. Das geht aus einer aktuellen Studie der Arbeiterkammer hervor, die vergangenen Mittwoch präsentiert wurde. Darüber hinaus weisen 27,5 Prozent der Jugendlichen Leseschwächen auf. Nur Rumänien und Bulgarien haben noch schlechtere Werte. An den Universitäten zeigt sich ein ähnliches Bild: Im internationalen Vergleich rutscht die Uni Wien immer weiter ab. Nach den Plätzen 139 (2011), 162 (2012) und 170 (2013) reichte es beim jüngsten "Times Higher Education World University Ranking" nur mehr für Platz 182. Zudem bringt es Österreich im OECD-Vergleich auf die zweitniedrigste Akademikerquote hinter Slowenien.

 

 

 

"Profil" Nr. 22/2015 vom 22.05.2015                       Seite 30,31

Ressort: Österreich

 

Von Johannes Huber

 

 

Vorwärts, rückwärts, seitwärts

 

In ihrem neuen Grundsatzprogramm stellt die ÖVP das Gymnasium endgültig unter Artenschutz. Die Gesamtschule ist damit tot. Im reformfreudigeren Westen formiert sich ein schwarzer Aufstand gegen die Bundespartei.

 

Die gemeinsame Schule der Zehn-bis 14-Jährigen gibt es ganz oder gar nicht. Doch mit solch banalen Prinzipien tut sich die ÖVP schwer. Seit Jahren ringt die Partei um einen Kurs zur "Gesamtschule", 2013 bildete sich sogar eine "Westachse": Die Landeshauptleute von Salzburg, Tirol und Vorarlberg wollten einen Modellversuch starten. Doch Parteichef Michael Spindelegger ließ das nicht zu. "Er hatte wenigstens eine klare Haltung", erinnern sich Weggefährten.

 

Heute ist alles anders - und noch komplizierter: Unter Spindeleggers Nachfolger Reinhold Mitterlehner verfolgt die Bundespartei einen Sowohl-als-auch-Kurs: Modellversuche zur gemeinsamen Schule für alle Zehn-bis 14-Jährigen sollen zwar nicht länger blockiert, das Gymnasium daneben jedoch erhalten werden. Womit sich der Konflikt nur zuspitzt: Die Vorarlberger Landespartei ist wild entschlossen, zur Umsetzung zu schreiten - notfalls auch gegen den Willen der Bundespartei.

 

So nebulos Parteiprogramme normalerweise sind, so deutlich fällt doch das Credo der ÖVP in ihrem neuen Grundsatzprogramm aus, das vergangene Woche in Wien beschlossen wurde: "Wir bekennen uns zum Gymnasium."

 

Es handelt sich um die einzige Schulart, die in dem Papier erwähnt "und damit unter Artenschutz gestellt" wird, wie böse Zungen behaupten. In Wahrheit handelt es sich freilich um ein Zugeständnis an die vor allem im ÖAAB einflussreichen AHS-Lehrer.

 

Die Reformkräfte in der Partei sind enttäuscht. Der Steirer Bernd Schilcher, der seit Jahren auf eine gemeinsame Schule drängt, kann es kaum glauben - zumal er 1975 bereits an einem wesentlich fortschrittlicheren Parteiprogramm mitarbeitete . Die "Aufstiegschancen für alle Interessierten und Begabten" seien erst dann allgemein realisierbar, wenn "besonders der ,Umsteigebahnhof' nach der 8. Schulstufe als Zeitpunkt der Entscheidung für die spätere Bildungs- und Berufslaufbahn stärker im Bewusstsein verankert wird", hieß es im damaligen Partei-"Plan 4" für Lebensqualität.

 

Unverständnis über das neue Programm herrscht auch unter aktiven ÖVP-Funktionären. "Das Bekenntnis zur Differenzierung ist okay, zumal sie in jedem Klassenzimmer praktiziert werden muss", meint die Tiroler Schul-Landesrätin Beate Palfrader: "Aber das Gymnasium als einzigen Schultyp ausdrücklich anzuführen, ist nicht nachvollziehbar."

 

Der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer, ursprünglich ein durchaus forscher Gesamtschul-Befürworter, hat seinen vollmundig angekündigten Versuch wieder abgeblasen. Laut schwarz-grünem Regierungsprogramm hätte bereits seit vergangenem September experimentiert werden sollen - daraus wurde jedoch nichts.

 

Im äußersten Westen, in Vorarlberg, bleibt die gemeinsame Schule trotz allem das große Ziel. Das hat einen sozialen und einen praktischen Hintergrund: Standesdünkel sind dort weniger verbreitet, Handwerker genauso angesehen wie Akademiker, Hauptschüler so respektiert wie Gymnasiasten. Was zählt, sind Fleiß und vor allen in den Dörfern das, was die Mitbürger als ordentliche Lebensführung definieren. Wer diese Kriterien erfüllt, dem steht alles offen. Das zeigt auch das Beispiel des Vorarlberger Landeshauptmannes: Ehe er an einem Oberstufenrealgymnasium maturierte und dann zum Studium der Politikwissenschaften nach Innsbruck wechselte, hatte Markus Wallner die Hauptschule in seiner Heimatgemeinde Frastanz absolviert - eine Laufbahn, die in diesem Teil Österreichs nicht ungewöhnlich ist.

 

Heute zählt Wallner bezeichnenderweise zu jenen ÖVP-Politikern, die am vehementesten für eine größere Schulreform eintreten, wobei ihn die Verhältnisse in seinem Land bestärken: Alle führenden Unternehmen klagen seit Jahren über einen Fachkräftemangel und darüber, dass zu viele Pflichtschulabsolventen nicht ordentlich lesen und schreiben können. Beides ließe sich durch eine gemeinsame Schule lösen, die den Einzelnen bestmöglich fordere und fördere, heißt es.

 

In Tirol ist das ähnlich. Landesrätin Palfrader wünscht sich von ihren Parteifreunden in Wien daher nichts mehr als einen Abschied von den "ideologischen Grabenkämpfen, gerade in der Bildungspolitik". Solange sich das nicht ändert, sind ihr die Hände gebunden: Mit Hilfe der Grünen als Partner in der Landesregierung hat sich die ÖVP zwar vorgenommen, die gemeinsame Schule im Zillertal und "ehebaldigst" auch in Innsbruck zu testen. Ohne bundesgesetzliche Ermächtigung ist das jedoch unmöglich. In Innsbruck wurde das Projekt daher aufgegeben. Und im Zillertal kann man nicht viel mehr tun, als an den bestehenden Mittelschulen ein pädagogisches Konzept zu erproben: Unter dem Titel "Kompetenzwerkstatt" werden seit Herbst die Talente und Fähigkeiten der Zehn-bis 14-Jährigen verstärkt gepflegt. Doch von einer gemeinsamen Schule kann keine Rede sein. Allein im vergangenen September sind wieder 22 Volksschulabsolventen aus dem Tal an das nächstgelegene Gymnasium nach Schwaz gewechselt.

 

In Vorarlberg versucht man, sich dem Ziel anders zu nähern: Mehr als 30 Experten wurden dort vom Land beauftragt, sich eingehend mit der "Schule der Zehn-bis 14-Jährigen" auseinanderzusetzen. Im November legte die Gruppe einen 184 Seiten starken Zwischenbericht vor, dem etwa zu entnehmen ist, wie groß aufgrund der frühen Selektion der Druck nicht nur auf die Volksschüler selbst ist. Lehrer berichten, von Eltern bedroht zu werden, damit sie nur ja bessere Noten geben und so die Aufnahme ans Gymnasium ermöglichen. Nicht wenige geben zu, nachzugeben. Womit Zehnjährige mit einem Bildungsweg beglückt werden, dem sie nicht gewachsen sind.

 

Nun präsentieren die Bildungsexperten im Ländle ihren Endbericht. Wobei es sich um eine Wegweisung zur Gemeinsamen Schule handeln wird. ÖVP und Grüne nahmen das in ihrem Koalitionsvertrag bereits vorweg und kündigten einen "regionalen Schulversuch" dazu an. Alle wesentlichen Gruppen des Landes sind dafür. Auch die Freiheitlichen, die diesbezüglich nicht nur der Arlberg von Heinz-Christian Strache & Co. im fernen Wien trennt.

 

Treibende Kraft sind freilich die Arbeitgeber: "Wir brauchen eine Bildungsrevolution", trommelt der Vorarlberger Wirtschaftskammer-Präsident Manfred Rein seit Jahren: "Wenn man aus allen Branchen hört, dass es an gut ausgebildetem Nachwuchs mangelt, dann darf man nicht farbenblind sein, sondern muss das Notwendige tun", drängt der ÖVP-Funktionär auf eine "Gemeinsame Schule mit innerer Leistungsdifferenzierung".

 

Die Bundespartei will sich Modellversuchen unter diesen Umständen nicht in den Weg stellen, sie aber auch nur begrenzt zulassen: "Wenn Vorarlberg und Tirol gute Modelle haben, sollen sie diese weiter umsetzen", lässt Staatssekretär Harald Mahrer, das für Bildung zuständige Regierungsmitglied der ÖVP, wissen. Notwendig sei aber "eine verlässliche Gesamtreform des Schulsystems". Und darin müsse es weiterhin ein Gymnasium geben. Zumal sich dieses "bewährt" habe, wie Mahrer betont: "Es ist allen Unkenrufen zum Trotz noch immer eine der beliebtesten Schulformen. Warum sollen wir das abschaffen?"

 

 

Die Presse – 22. Mai 2015

 

 

Wenn nur sexuelle Lust übrig bleibt

Sexualkundeunterricht an den Schulen muss vor allem den allgemeinen pädagogischen Grundsätzen genügen.

 

Wir brauchen eine unverkrampfte, Fakten und ethische Einstellungen offen diskutierende Sexualpädagogik, die im Dienste der Jugend steht. Für den zur Debatte stehenden neuen Grundsatzerlass müssen dabei allerdings allgemeine pädagogische Grundsätze berücksichtigt werden.

Sexualpädagogik muss zwischen Elternhaus, schulischer und außerschulischer Sexualkunde unterscheiden. Der schulische Sexualkundeunterricht sollte vor allem informativ sein, darf nie die Schamgrenze überschreiten und sexuelle Selbsterfahrung zum Thema machen. Diese Unterscheidung wird derzeit auch unter Sexualpädagogen diskutiert.

Der Begriff „Sexualerziehung“ sollte nicht mehr verwendet werden. Die Schule hat einen allgemeinen erzieherischen Auftrag, nicht einen spezifischen. Man spricht auch nicht von „Politischer Erziehung“ sondern von „Politischer Bildung“.

Der Begriff „Sexualkundeunterricht“ würde eine gewisse Distanz zu den behandelten Themen zum Ausdruck bringen, während der Begriff „Sexualerziehung“ eine Grenzüberschreitung des schulischen Auftrags beinhalten kann.

Schulunterricht unterliegt generell dem Indoktrinations- und Manipulationsverbot. Daher können die „WHO-Standards zur Sexualaufklärung“ nicht wie vorgesehen Grundlage für den Sexualkundeunterricht sein. Sie vertreten nämlich eine reine Verhandlungsmoral in Sachen Sex, ohne übergeordnete sittliche Normen. Und sie haben die umstrittene Gendertheorie zur Grundlage.

Übrig bleibt die sexuelle Lust

Diese radikale Kulturtheorie relativiert die geschlechtliche und sexuelle Identität des Menschen in höchst fragwürdigem Ausmaß und leitet daraus eine „sexuelle Vielfalt“ als neues gesellschaftliches Leitbild ab. Für die Sexualpädagogik bedeutet dies, dass nur noch die sexuelle Lust als gemeinsamer Nenner dieser beliebigen Lebensformen übrig bleibt. Deren Vielfalt soll den Kindern ohne Bezug zur Verantwortung für verbindliche Beziehungen und Lebensziele oder für eine Integration der Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit, zu der immer auch die Fähigkeit zum Verzicht gehört, unterrichtet werden.

Hedonistisches Verständnis

Dass es sich bei der Sorge um die Folgen eines solchen hedonistischen Verständnisses von Sexualität für den Sexualkundeunterricht nicht um hysterische Panikmache handelt, zeigen mit staatlichen Mitteln geförderte sexualpädagogische Erzeugnisse in Österreich. In denen wird u. a. die binäre Geschlechterordnung parodiert, die einfache Familienstruktur von Vater, Mutter und Kindern als zu belächelnde Minderheit dargestellt oder werden Tipps für eine besonders lustvolle Masturbation gegeben (Literatur beim Verfasser). Das hat offensichtlich nichts mit seriöser Sexualaufklärung zu tun.

Der Staat verletzt seine Neutralität, wenn er den Schulunterricht mit einer bestimmten Weltanschauung unterlegt. Relativismus ist eine Weltanschauung und kann deshalb nicht zur Grundlage der Sexualkunde gemacht werden, ohne das Indoktrinationsverbot zu verletzen.

Zu diesem Verbot gehört positiv gewendet das Gebot der Kontroversität. Der alte Grundsatzerlass von 1990 spricht von der Vermittlung eines „Wertewissens“, das es den Schülern ermöglichen soll, sich eine eigene Meinung zu bilden. Für Kinder, die noch nicht fähig zum Diskurs sind, ist zu fragen, inwieweit die Schule den Auftrag hat, über eine an der Fruchtbarkeit orientierte Sexualaufklärung hinaus Inhalte zu vermitteln.

Wir brauchen also nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an Reflexion und Diskussion.

Dr. med. Mag. phil. Christian Spaemann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Schalchen bei Mattighofen.

 

 

Heute – 22. Mai 2015

 

Schüler geben neuer Matura einen "Fleck"

Über 6.000 der rund 20.000 Maturanten von heuer haben bereits bei der Zentralmatura-Befragung des grünen Jugendsprechers Julian Schmid über Facebook und Internet mitgemacht. Geht es nach ihnen, ist Bildungsministerin Heinisch- Hosek (SP) durchgefallen.

Die Idee zur Zentralmatura wird mit der Note 3,5 bewertet, die Umsetzung mit 4,5. Auch die Informationen im Vorfeld werden mit 3,9 als sehr schlecht bewertet. Das ergibt eine erste Zwischenbilanz. Schmid: "Die Umfrage zeigt schwarz auf weiß: Wie es das Ministerium angeht, macht die Schüler extrem unzufrieden."

Abgestimmt werden kann auf Facebook und auf gruene.at/neue-matura übrigens noch bis nächsten Freitag.

 

 

"Kleine Zeitung" vom 22.05.2015                             Seite: 20

Ressort: Bundesland

 

CHRISTIAN ZECHNER

 

Kärnten

 

AUFWECKER

 

Nicht druck-reif

 

   Eine Zahl kontrollierten die Mitarbeiter der Arbeiterkammer zweimal, sie konnten sie anfänglich nicht glauben. Die Volksschulen haben bei den Nachhilfekosten die Neuen Mittelschulen überholt. 713 Euro gaben betroffene Familien im Schnitt bereits bei den jüngsten Schülern aus. Das hat eine aktuelle Studie ergeben, die von der Kärntner Arbeiterkammer in Auftrag gegeben wurde. Zwar liegen die Volksschulen damit hinter der AHS-Oberstufe (876 Euro), die Zahl erschreckt aber trotzdem. Man darf sie vor allem als Indiz für zweierlei nehmen: Die Schule ist ein System, das die Nachhilfenotwendigkeit produziert und der Leistungsdruck wird auf immer jüngere Kinder ausgeübt. Aber es geht noch ärger: Sogar von der Nachhilfe für Kindergartenkinder wurde berichtet.

 

   Es wäre leicht, den Eltern die Schuld in die Schuhe zu schieben. Sie wollen nicht, dass ihr Kind nicht möglichst früh schulreif ist, dass durch schlechte Volksschulnoten der Weg zum Gymnasium verbaut wird, dass das Kind nicht die Matura macht. Aber sie geben damit nur einen Druck weiter, der auch auf sie ausgeübt wird.

 

   Auch wenn es eine Binsenweisheit ist: Es sind nicht die hervorragenden Noten, die einen Menschen auf lange Sicht glücklich machen. Und noch etwas sollte man vielleicht berücksichtigen: Mit den guten Noten seines Kindes gibt heute eh schon jeder an, aber wer kann schon damit angeben, dass er ein glückliches Kind hat.

 

 

Morgenjournal, 22.5.2015

 

Schulärzte: Daten besser verwerten

Julia Schmuck

Schulkinder bekommen in Österreich nicht immer die gleiche ärztliche Versorgung. Es kommt darauf an, ob sie in eine Bundesschule gehen oder nicht - das kritisieren Ärztekammer, Elternvertreter und die Gesellschaft der Schulärzte Österreichs. Sie fordern ein vereinheitlichtes Schulärztewesen und dass die Daten bei den jährlichen Untersuchungen auch Österreichweit ausgewertet werden. Denn damit könnten Vorsorgeprogramme gezielt erstellt werden.

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖ-Parlamentsklub
Tel.: 01/40110-3945

 

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