Montag, 1. Juni 2015

2015.06.01: Bildung

KATHPRESS-Tagesdienst Nr.126, 30. Mai 2015

 

 

Potz: Viel Dynamik im Verhältnis von Staat und Religion

Wiener Religionsrechtsexperte sieht im europaweiten Trend österreichisches Modell der Kooperation von Staat und Kirche bestätigt  Generalsekretär der Bischofskonferenz, Schipka: Staat soll Ethikunterricht als verpflichtende Alternative zum Religionsunterricht einführen

 

Wien, 30.05.2015 (KAP) Anders als noch vor 20 Jahren gedacht, hat sich das Verhältnis von Staat, Kirche und Religion zu einem dynamischen Rechtsgebiet entwickelt. Mit diesem Befund ließ der emeritierte Wiener Religionsrechtsexperte Prof. Richard Potz bei einer Diskussion im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" in der Wiener Hofburgkapelle aufhorchen. Er widersprach damit explizit der Auffassung, dass die Verhältnisbestimmung zwischen dem modernen demokratischen Staat und der Religion mit der Überwindung des Kommunismus gleichsam zu einem Ende gekommen sei. "Weltweit hat es noch nie so viele Konkordate gegeben wie jetzt, selbst mit islamischen Staaten", betonte Potz, der auch mit Blick auf Islam, Aleviten und Freikirchen auf die zahlreichen neuen religionsrechtlichen Bestimmungen in Österreich verwies. In der Diskussion mit dem Titel "Staat und Religion in Österreich" diagnostizierte Potz, dass das österreichische Modell der Kooperation von Staat und Religion durch einen europaweiten Trend bestätigt werden. Länder mit traditionellen Staatskirchen wie in den skandinavischen Staaten würden immer mehr das mitteleuropäische Kooperationsmodell übernehmen. Und Frankreich sei mit seinem religionskritischen Verständnis von Laizität in Europa "ziemlich alleine". Den Grund hierfür ortete Potz in einem gleichheitswidrigen Grundzug einer die Religion ausgrenzenden Laizität: Ein Staat der aus ideologischen Überlegungen mit allen Kräften der Gesellschaft mit Ausnahme von Kirchen und Religionen zusammenarbeitet, verletzte selbst das Gebot der staatlichen Neutralität, so der Religionsrechtler.

 

Für Österreich ortet Potz staatlichen Handlungsbedarf bei den "zu krassen Unterschieden" zwischen anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften im Vergleich mit religiösen Bekenntnisgemeinschaften. Nach dem Vorbild von Staaten wie Deutschland oder Italien sollte Österreich zudem die Möglichkeit eröffnen, dass der Staat öffentlichrechtliche Verträge mit Kirchen und Religionen abschließen kann. Dies würde auch den Vorwurf einer formalen Privilegierung der katholischen Kirche durch das Konkordat entkräften. Den Kirchen empfahl der Jurist, "wachsam" zu bleiben, denn: Erwartbare Änderungen bei der Lehrerausbildung im Zuge der Bildungsreform könnten sich auch auf den Religionsunterricht auswirken, und das nicht unbedingt vorteilhaft.

 

Bildung war und bleibt ein Feld, in dem die Kooperation von Kirche und Staat in Österreich besonders deutlich erfahrbar wird. Darauf verwies der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Peter Schipka, in der Podiumsdiskussion. Mit den rund 300 Privatschulen in kirchlicher Trägerschaft werde nicht nur die Bildungslandschaft bereichert, der Staat erspare sich auch sehr viel Geld, weil er nur für die Kosten des Lehrpersonals aufkommen müsse. Auch das starke kirchliche Engagement in der Ausbildung von Pflichtschullehrern sei für den Staat eine finanzielle Entlastung.

 

Gefordert sieht Schipka den Staat im Blick auf jene Schüler, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen, in dem es eine systematische Befassung mit dem eigenen Glauben, den anderen Religionen und ethischen Themen gibt. Wer den Religionsunterricht nicht besucht, komme mit diesen Fragen nicht adäquat in Berührung, was bedenklich sei und dem umfassenden Bildungsauftrag widerspreche. Der Staat solle daher einen verpflichtenden Ethikunterricht für all jene Schüler einführen, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Der Generalsekretär der Bischofskonferenz wandet sich auch gegen vereinzelten Stimmen, die den Religionsunterricht in Frage stellen würden. Mit rund 700.000 Schülern habe der Religionsunterricht trotz der Möglichkeit der Abmeldung eine "sehr hohe Akzeptanz". Es müsste zudem im Interesse des Staates sein, einen Überblick darüber zu behalten, was im Religionsunterricht geschehe. Dies sei aber nur gewährleistet, wenn der Religionsunterricht in der Schule stattfindet und nicht aus ihr hinausgedrängt wird, gab Schipka zu bedenken.

 

 

KATHPRESS-Tagesdienst Nr.126, 30. Mai 2015

 

 

Positive Schulreform braucht gesellschaftlichen Wandel

Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, Sr. Mayrhofer, bei Schuldebatte in "Langer Nacht der Kirchen": Bildung fängt im Elternhaus an

 

Wien, 30.05.2015 (KAP) Wenn eine Reform der österreichischen Schullandschaft hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit gelingen soll, so braucht es einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Das hat die Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, Sr. Beatrix Mayrhofer, betont. Sie äußerte sich am Freitag bei einer Podiumsdiskussion in Wien im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" zum Thema "Bildung und Gerechtigkeit". "Bildung ist mehr als das was in der Schule passiert", berichtete die ehemalige Direktorin des katholischen Schulzentrums Friesgasse im 15. Wiener Bezirk aus ihrer langjährigen Berufserfahrung. Es müssten vielmehr für jedes Kind die sozialen Möglichkeiten und Voraussetzungen geschaffen werden, um eine gute Bildung zu gewährleisten. Das fange damit an, dass manche Kinder nicht einmal einen Schreibtisch haben, um Hausaufgaben zu erledigen oder unkonzentriert in den Unterricht kommen, weil sie zu Hause nicht die Möglichkeit hatten, ausreichend zu schlafen, schilderte Mayrhofer.

 

Zudem müsse der Berufstand des Lehrers wieder ein höheres gesamtgesellschaftliches Ansehen erhalten. "Alle wollen gute Bildung, aber die, die Bildung vermitteln, werden verachtet", kritisierte die Bildungsexpertin. Die Lehrer müssten wieder stolz auf ihren Berufstand sein können, "der immens wichtig ist für die Entwicklung einer Gesellschaft". Sie habe aber eher den Eindruck, sagte Mayrhofer, "dass Lehrer sich ob ihrer Berufswahl rechtfertigen müssen".

 

Der Geschäftsführer von "Diakonie eine Welt", Michael Bubik, betonte die Wichtigkeit von konfessionellen Schulen in der österreichischen Bildungslandschaft. Den konfessionellen Schulen würde oft das Image als Privatschulen zuteil, dabei seien es gerade die kirchlichen Schulen, die benachteiligte Schüler, wie beispielsweise Migranten oder auch Schüler mit besonderen Bedürfnissen, in hohem Maße fördern würden.

 

Kein "Schwarzer Peter" für Lehrer

Für den Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann von der Universität Wien muss die Politik endlich damit aufhören, immer die Lehrer für schlechte Ergebnisse, beispielsweise beim PisaTest, verantwortlich zu machen. "Wenn die Politik nicht in der Lage ist, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, kann man nicht immer den Lehrern den Schwarzen Peter zuschiebe", sagte Hopmann im Rahmen der Diskussionsveranstaltung. Viel eher müsse man davon abkommen, alles quantifizieren und messen zu wollen. Heutzutage mangele es bei den Schülern oft schon an elementaren sozialen gesellschaftlichen Umgangsformen. An dieser Stelle müsse die Schule viel mehr "kultivieren", um den jungen Menschen überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

 

Der Vorsitzende des Zentralausschuss AHS, Gerhard Riegler, schlug in die gleiche Kerbe. Es werde immer suggeriert, dass Bildung erst in der Schule beginnt; bei Schülern, die aber schon vor ihrer Schulzeit keine ausreichende Förderung erhalten haben, würde auch der engagierteste Lehrer scheitern, so Riegler.

 

Die Gesellschaft müsse so solidarisch sein, damit allen Mitgliedern Bildungsgerechtigkeit in gleichem Maße zukommt, forderte der methodistische Superintendent von Makedonien, Wilfried Nausner. Auch er sah das Hauptproblem nicht in der Schule, sondern schon bei den Eltern. "Wir müssen wieder ein besseres Bewusstsein für die Elternschaft entwickeln", so Nausner.

 

Johanna Tradinik von der Bundesjugendvertretung forderte ein durchlässigeres Bildungssystem. Kinder aus bildungsfernen Schichten hätten noch immer kaum Chancen auf einen Aufstieg im Bildungssystem. Die Talente der Kinder würden außerdem oftmals nicht gefördert, sondern es würden viel eher die Defizite aufgezeigt. Auf diese Weise würde viel zu viel Potential verschenkt, so Tradinik.

 

 

 

 

 

Andrea Steiner
Büro Kurt Schober
SPÖParlamentsklub
Tel.: 01/401103945

 

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